erstellt von: lacravate, am 05.01.2012 18:54 , Clicks: 2392

Vintage Look - authentisch oder Bluff

Es wird wieder wärmer. Zugegeben, laut Kalender wird der Winter noch eine Weile hierbleiben. Aber die Sonne kommt wieder. Und mit ihr ein Phänomen: Da lacht auf einmal eine Jahrzehnte alte Werbung für Brausepulver vom T-Shirt. Logos auf Hemdentaschen künden vom Ruhm einer Biermarke, die schon vor zwanzig Jahren vom Markt verschwunden ist, und diese Jeans: waren die nicht schon in den Siebzigern hip? Freizeitgarderobe bedient sich gerade im Sommer gerne am Chic vergangener Zeiten, wenn es trendig genug ist.


Doch auch im etwas klassischeren Bereich gibt es diese Jagd nach dem Vintage-Look. Zwar war früher nicht alles besser, aber vieles einfacher, was die Kleidung anbelangt. Zog damals der englische Lord sein raues Tweedsakko an, bevor er zu Pferde seine Ländereien duchstreifte, so trägt manch kreativer Kopf das gute Stück heute unbekümmert zu Designer-Denim und T-Shirt. Und sieht damit auch noch gut aus.


Nostalgie scheint eine menschliche Grundeigenschaft zu sein. Und gerade deshalb erfreut sich Kleidung so großer Beliebtheit, die schon ein wenig angestaubter erscheint. Und doch: zwischen sentimentalem Kitsch und stylischem Vintage-Look verläuft nur eine schmale Grenze. Und die wird durch eine simple Grundregel geschützt: alte Kleidung muss authentisch sein. Oder würden Sie sich als Oldtimer-Liebhaber einen Plastiknachbau eines Ford T in die Garage stellen?


Und: alles, wo „authentisch” draufsteht, ist zumindest schon mal mit Vorsicht zu behandeln.


Wer zuerst alte Logo-T-Shirts wie das von Ahoi-Brause in die Freizeitgarderobe integrierte, war damit ein Trendsetter. Aber es ist nicht dasselbe, sich dieses Shirt für 20 - 40 Euro als Nachdruck im Laden zu kaufen. Das ist kitschig. Finger weg davon. Echtes Flair verbreiten nur die wirklich alten Stücke. Mit etwas Glück bekommen Sie die im Secondhandshop. Oder im Internet, aber da müssen Sie inzwischen teilweise ganz schöne Summen hinblättern.


Bei Tweed sieht es ähnlich aus. Jedes Modehaus hat - meistens auch noch in den Young-Fashion-Abteilungen - ein paar mehr oder weniger spannende Stücke in den Regalen, oft aus leichten Baumwollgarnen oder gar mit schlecht aufgedrucktem Karo und stylischen Lederflicken am Ärmel. Inzwischen jedenfalls wieder. Vergessen Sie es. Echter Tweed „fühlt sich an wie eine Teppichfliese“, wie Stilexperte Bernhard Rötzel es einmal so schön ausdrückte, ist aber dafür an Robustheit kaum zu überbieten. Und gerade deshalb haben Sie hier die Chance, hervorragend erhaltene authentische Teile zu finden, wenn Sie eine Weile danach suchen. Sogar die berüchtigten Lederflicken gehen dann in Ordnung, wenn sie wirklich nur die Ellbogen schonen.


Nur bei formeller Garderobe sollten Sie sich derartige Experimente verkneifen. Da sollten Hemd, Anzug und Krawatte besser frisch und neu sein. Einzige Ausnahme: ein Frack kommt ins Spiel. Da dürfen Sie dann wieder hemmungslos mit alten Accessoires punkten. Antike Knöpfe und Manschettenknöpfe, antike Weste.


Vermeiden sollte man allerdings alles, was künstlich auf alt getrimmt ist. Klar, eine braune Lederjacke hat erst nach ein paar Jahren den richtigen Charme, aber künstlich gealtertes Leder erkennt man - daran, dass man es nicht erkennt. Der Reiz der Vintage-Bekleidung liegt darin, dass jedes Stück seinen individuellen Charakter hat. Und den bekommt es durch Tragen, nicht in der Maschine.



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